Expedition Anthropozän

17 Tage 6 Wissenschaftler*innen 1 Projekt

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Wir werden uns mit dem fortschreitenden Klimawandel und seinen Auswirkungen für die Menschen, dem Gletscherrückzug, der Artenvielfalt, klangökologischen Veränderungen und Mikroplastikvorkommen in Schnee und Eis beschäftigen. Und nicht zuletzt wird eine Frage im Zentrum stehen: Wie forscht man heute eigentlich?

News & Medien

Blog

Tag 16 – Im Gespräch

Als wir zurück vom Cotopaxi Vulkan waren, hat Ricarda mit Romel Sandoval, einem unserer Bergführer, ein Interview gemacht. Romel ist Umweltingenieur und hat mit ihr

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Tag 15 – Rückkehr nach Quito

Den Vormittag verbringen wir im Bus für den Rücktransfer nach Quito. Sobald wir die Nationalparks hinter uns gelassen haben, treten anstelle des Waldes landwirtschaftliche Nutzflächen,

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Tag 13 – Austausch

Heute haben wir uns mit Forscher*innen der Universidad Estatal Amazónica getroffen und hatten einen sehr spannenden Austausch mit ihnen. Den Abend verbringt Christian dann mal

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Tag 12 – Im Nebelwald

Heute stand der Tag ganz im Zeichen der Flora und Fauna der mittleren Höhenlagen Ecuadors (circa 1000-2500m). Im zum Teil strömenden Regen ging es in

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Forschung

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Expedition Anthropozän – wie der Mensch die Erde verändert

Stark wie nie zuvor greift heute der Mensch ins Erdsystem ein – er ist die bestimmende Kraft in einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Über Fächergrenzen hinweg brechen wir – sechs Mitglieder der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina – zu einer Expedition auf.

Wir suchen die Spuren des Menschen in seiner Umwelt. Unsere Forschungsreise führt uns, wie vor 200 Jahren Alexander von Humboldt, nach Ecuador und auf den Vulkan Chimborazo

Mit Methoden der Glaziologie, Biologie, Chemie, Klangökologie, Informatik und Medizin werden wir – mit unseren Partner*innen vor Ort – menschliche Einflüsse in verschiedenen Höhenlagen und Vegetationszonen untersuchen.
Wir werden uns mit dem fortschreitenden Klimawandel und seinen Auswirkungen für die Menschen, dem Gletscherrückzug, der Artenvielfalt, klangökologischen Veränderungen und möglichen Mikroplastikvorkommen in Schnee und Eis beschäftigen. Und nicht zuletzt wird die Frage zentral stehen: Wie forscht man heute eigentlich?

Bericht Alexander Humboldts aus Essai sur la géographie des plantes, Paris 1805.
Grafik aus Alexander von Humboldts Bericht: Essai sur la géographie des plantes, Paris 1805.

Partnerschaften

Route

Ecuador

Die erste Station unserer Expedition ist Quito, Hauptstadt Ecuadors und höchstgelegene Hauptstadt der Erde. In Quito werden wir aufgrund der notwendigen Höhenakklimatisierung einige Tage verbleiben. Von hier aus unternehmen wir die ersten Tagestouren.

Eine Art Test für Geräte und Team wird der Tag am aktiven Vulkan Pichincha – dem „Hausberg“ Quitos – sein. Hier besteigen wir einen der beiden Gipfel, den 4696 m hohen Rucu Pichincha. Touren an den folgenden Tagen, bei denen vor allem Gletscheruntersuchungen und Schnee- und Eisschichtanalysen im Mittelpunkt stehen sollen, führen uns 1) zum Cayambe, ein Vulkan nordöstlich von Quito, dessen Gletscher bis zum Einsetzen des Gletscherrückgangs der einzige dauerhaft weiße Punkt auf dem Äquator war 2) zum Antisana, ein Vulkan und gleichzeitig vierthöchster Berg Ecuadors mit einem breiten, vergletscherten Hauptgipfel mit vier Spitzen und 3) zum Cotopaxi, mit 5897 Metern der zweithöchste Berg Ecuadors und einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde.

Danach verbringen wir einige Tage in Ambato und dem Llanganates Nationalpark, wo eine zu den Gebirgslagen der Anden komplementäre Vegetationszone vorherrscht. Hier steht die Biodiversität im Fokus und es werden Klangprofile erstellt und Mikroplastik untersucht. Wir werden zudem Vertreter*innen und Wissenschaftler*innen von der Universidad Estatal Amazónica treffen. Von dort geht es zurück nach Quito, wo unsere Expedition mit einem Besuch an der Universidad San Francisco de Quito endet.

Team

mediumgreendots

Mehr über die Wissenschaftler*innen, was sie auf die Expedition mitnehmen und was sie erforschen, erfahrt ihr hier!

Themen

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Martin-Immanuel Bittner | Medizin

Wir werden im Frühjahr 2020 gemeinsam aufbrechen, um in Ecuador zentrale Fragen aus der Biogeographie, Ökologie, Physik, Chemie, Klimawissenschaften, Informatik, Musikwissenschaften sowie der Medizin zu beantworten.

Dabei ist es von zentraler Bedeutung, dass keine Erfassung und Beurteilung eines sich ändernden Klimas vollständig wäre, ohne auch die Wahrnehmung dieser Veränderungen und ihrer Konsequenzen für die lokale Bevölkerung zu erheben. Der Einfluss des Klimawandels unterscheidet sich je nach Region und Gruppe, wobei negative Konsequenzen oft überproportional stark die betreffen, die bereits benachteiligt sind.

Daher führen wir Interviews mit Menschen im Expeditionsgebiet durch, deren erstes Ziel es ist, Annahmen und Erfahrungen der lokalen Bevölkerung zu erforschen. Aus den Ergebnissen dieser Interviews werden wir dann grundlegende Thesen formulieren und sie miteinander in Beziehung setzen. Dieser Ansatz ermöglicht es, gemeinsame Themen und Wahrnehmungen zum Klimawandel und dessen Bedeutung für die eigene Gesundheit zu identifizieren. die durch einen quantitativen (mengenmäßigen) Ansatz nicht zugänglich wären. Außerdem können durch die Interviewstudie wichtige zusätzliche Einblicke gewonnen werden, die die Erhebungen der anderen Expeditionsteilnehmer vervollständigen – z.B. können so Messungen an einem Gletscher ergänzt werden durch die Beobachtungen der dort lebenden Menschen, was zu tieferen und relevanteren Einblicken verhelfen kann.

Dirk Pflüger | Informatik
Im Zeitalter von Digitalisierung, Big Data und KI können wir Daten in bislang ungeahnter Menge und Qualität erheben und auswerten: Daten, deren Erfassung zu Humboldts Zeiten noch Wochen erforderten, lassen sich mithilfe heutiger Technik (halb-)automatisch in Stunden oder Tagen erheben.  Und gesammelte Daten ermöglichen es heute vielleicht noch mehr als damals, dass die Forschung nach der Rückkehr aus dem Feld nicht aufhört sondern erst richtig beginnt. Die interdisziplinäre Ausrichtung unserer Expedition gibt uns die Möglichkeit, eine Vielzahl von Daten aus sehr unterschiedlichen Quellen zu erheben: von Mikroplastik im Eis und Artenvielfalt und Artenzusammensetzung von Insekten über Interviewstudien bis hin zu hochaufgelösten Audio- und Bilddaten. Für mich stehen dabei zwei Fragestellungen im Vordergrund. Ich interessiere mich zum einen dafür, was für Informationen wir aus den Daten gewinnen können, zum Beispiel mithilfe von Algorithmen des Maschinellen Lernens. Die Fusion von Daten aus so unterschiedlichen Quellen wie bei uns hat das Potential eines großen Mehrwerts. Zum anderen möchte ich Möglichkeiten ausloten auf Basis der Audio- und Bilddaten, im Anschluss an die Expedition andere Forscher und die Öffentlichkeit einzuladen und virtuell an Stationen unserer Forschungsreise teilhaben zu lassen.
Ricarda Winkelmann | Physik
Während Ecuador nicht gerade zu den Hauptverursachern des Klimawandels zählt (derzeit ist Ecuador für etwa 0,1 bis 0,2 Prozent der jährlichen globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich), sind die Folgen des anthropogenen Klimawandels hier besonders drastisch. Eine dieser Folgen: Zwei der sieben Gletscher Ecuadors könnten bereits in den nächsten Jahren aufhören zu existieren. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Wasserversorgung, Luftfeuchtigkeit und lokale Ökosysteme. Doch wie wirken sich das verstärkte Schmelzen und der Rückgang der Gletscher auf Menschen, Tiere und Pflanzen vor Ort aus? Dies ist eine der Fragen, die wir während der Expedition Anthropozän untersuchen möchten. Neben dem Klimawandel gibt es aber auch weitere folgenreiche menschliche Einflüsse so zum Beispiel die immer größeren Mengen an Kunststoffen, die wir produzieren und die in Atmosphäre und Ozean gelangen. Von der Arktis bis zur Antarktis wurden Mikroplastik-Partikel bereits nachgewiesen. Werden wir auch in der Schnee- und Eisbedeckung auf 4000+ Metern Höhe Mikroplastik vorfinden?
Christian Hof | Biologie

Während der Expedition der Jungen Akademie werde ich insbesondere die Frage adressieren, wie die Diversität und Komplexität von Artengemeinschaften zwischen anthropogen überformten und natürlichen Lebensräumen und auf verschiedenen Höhenstufen variieren. Selbst in scheinbar weitgehend unberührten Regionen hat der Mensch inzwischen seine Spuren hinterlassen, teils bis in die höchsten Lagen des Hochgebirges, z.B. durch die Veränderung der Vegetation für Landwirtschaft, durch Müll und Nährstoffeinträge oder durch Störungen wie etwa durch – im wahrsten Sinne – seine Fußabdrücke in sensiblen Ökosystemen. Stark vom Menschen beeinflusste Lebensräume beherbergen eine geringere Arten- und Formenvielfalt als natürliche Habitate. Ziel meiner Untersuchungen in Ecuador wird die Dokumentation dieses menschlichen Einflusses auf die Biodiversität und Landschaftsstruktur sein.

Zur Datenerhebung werden verschiedene qualitative und quantitative Methoden (Charakterisierung der Lebensraumstruktur, klimatische Messungen, Lichtfang nacht- und dämmerungsaktiver Fluginsekten, bildgestützte Analysen von Artenvielfalt und Artenzusammensetzung etc.) zum Einsatz kommen. Die Biodiversitätsforschung ist nahezu untrennbar verbunden mit Namen wie Alexander von Humboldt, Charles Darwin oder Alfred Russel Wallace, insbesondere aber ihren Expeditionen zur Erkundung der Flora und Fauna entlegener Regionen. Die aus den Expeditionen der frühen Biodiversitätsforscher gewonnenen Erkenntnisse zur Biogeographie, Evolution und Ökologie sind bis heute wegweisend für unser Verständnis der Biosphäre. Eine moderne, interdisziplinär ausgerichtete Expedition bietet, inspiriert vom explizit integrativen Charakter etwa der Humboldtschen Erkundungsreisen, außerordentlich spannende Gelegenheiten, aktuelle Fragen z.B. der Ökologie des globalen Wandels zu adressieren. Die Veränderung von Flora, Fauna und Ökosystemstruktur im historischen Vergleich, die Charakterisierung der Auswirkungen menschlicher Einflüsse auf ehemals natürliche Ökosysteme, z.B. durch Einflussfaktoren wie Landnutzung, Umweltverschmutzung und Klimawandel, sind hier zentrale Themenkomplexe.
Miriam Akkermann | Musikwissenschaften

In diesem Projekt werden Field Recordings erstellt, basierend auf denen zum einen Klangprofile im Sinne der Klangökologie untersucht, sowie künstlerische Arbeiten erarbeitet werden.

Klangökologie (Acoustic Ecology), basiert auf dem von Murray Schafer Ende der 1960er Jahren ins Leben gerufene World Soundscape Project, das das Ziel hatte, die Aufmerksamkeit auf die klangliche Umgebung zu lenken. Heute werden im Bereich Field Recording sowohl die reinen Aufnahmen als auch Kombinationen mit anderen Klängen präsentiert. Die Frage nach Ent- bzw. Neu-Kontextualisierung der Klänge, aber auch die damit einhergehenden Perspektivwechsel und Interpretationen werden hierbei immer wieder von Neuem diskutiert.

In Ecuador werden Field Recordings in verschiedenen Aufnahmeformaten von Gletscherregionen sowie in Gebieten des Llanganates Nationalpark entstehen. Fragen sind unter anderem: Welche menschenverursachten Klänge sind hörbar? Wie verändert sich die Klanglandschaft entlang der Höhenlagen? Gibt es Klänge, z.B. von Tieren, die selten oder unvorhergesehen sind (Ort, Aktivitätszeit, Ausprägung etc.)?

Zudem sind Tonaufnahmen in Eisbohrlöchern geplant, bei denen einzelne Klangereignisse evoziert, aufgenommen und analysiert werden. Leitfrage ist hier: Welche Informationen können über einfache Audio-Messungen erhoben werden können. Diese Messungen finden in Kooperation mit Prof. Dr. E. Altinsoy der TU Dresden statt.

Robert Kretschmer | Chemie

Synthetische Polymere sind aus unserer gegenwärtigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und der jährliche Bedarf steigt kontinuierlich. Leider werden Kunststoffe nicht im nötigen Umfang recycelt, sondern landen häufig auf Mülldeponien, in der Umwelt, in den Weltmeeren, wo sie nur langsam abgebaut werden. Damit einher geht auch die Bildung von kleinsten Plastikpartikeln, die aber zum Beispiel auch durch das Waschen synthetischer Fasern in unsere Wasserkreisläufe gelangen. Von dort finden sie ihren Weg in menschliche und tierische Organismen und lassen sich auch in der Arktis nachweisen.

Doch wie verbreitet sich Mikroplastik über die globalen Luftströme und lässt sie sich dort nachweisen, wo ein Transport über Wasserwege nicht möglich ist? Deshalb wollen wir diverse Gletscher in unterschiedlichen Höhen und Wetterlagen beproben, d.h. wir nehmen Proben von Eis und Schnee und analysieren, ob und wenn ja, wie viel und welche Art von Mikroplastik dort zu finden ist. Dazu werden die geschmolzenen Proben über sehr feine Filter filtriert und die Rückstände mithilfe modernster spektroskopischer Methoden qualitativ und quantitativ analysiert.

Martin-Immanuel Bittner | Medizin

Wir werden im Frühjahr 2020 gemeinsam aufbrechen, um in Ecuador zentrale Fragen aus der Biogeographie, Ökologie, Physik, Chemie, Klimawissenschaften, Informatik, Musikwissenschaften sowie der Medizin zu beantworten.

Dabei ist es von zentraler Bedeutung, dass keine Erfassung und Beurteilung eines sich ändernden Klimas vollständig wäre, ohne auch die Wahrnehmung dieser Veränderungen und ihrer Konsequenzen für die lokale Bevölkerung zu erheben. Der Einfluss des Klimawandels unterscheidet sich je nach Region und Gruppe, wobei negative Konsequenzen oft überproportional stark die betreffen, die bereits benachteiligt sind.

Daher führen wir Interviews mit Menschen im Expeditionsgebiet durch, deren erstes Ziel es ist, Annahmen und Erfahrungen der lokalen Bevölkerung zu erforschen. Aus den Ergebnissen dieser Interviews werden wir dann grundlegende Thesen formulieren und sie miteinander in Beziehung setzen. Dieser Ansatz ermöglicht es, gemeinsame Themen und Wahrnehmungen zum Klimawandel und dessen Bedeutung für die eigene Gesundheit zu identifizieren. die durch einen quantitativen (mengenmäßigen) Ansatz nicht zugänglich wären. Außerdem können durch die Interviewstudie wichtige zusätzliche Einblicke gewonnen werden, die die Erhebungen der anderen Expeditionsteilnehmer vervollständigen – z.B. können so Messungen an einem Gletscher ergänzt werden durch die Beobachtungen der dort lebenden Menschen, was zu tieferen und relevanteren Einblicken verhelfen kann.

Dirk Pflüger | Informatik
Im Zeitalter von Digitalisierung, Big Data und KI können wir Daten in bislang ungeahnter Menge und Qualität erheben und auswerten: Daten, deren Erfassung zu Humboldts Zeiten noch Wochen erforderten, lassen sich mithilfe heutiger Technik (halb-)automatisch in Stunden oder Tagen erheben.  Und gesammelte Daten ermöglichen es heute vielleicht noch mehr als damals, dass die Forschung nach der Rückkehr aus dem Feld nicht aufhört sondern erst richtig beginnt. Die interdisziplinäre Ausrichtung unserer Expedition gibt uns die Möglichkeit, eine Vielzahl von Daten aus sehr unterschiedlichen Quellen zu erheben: von Mikroplastik im Eis und Artenvielfalt und Artenzusammensetzung von Insekten über Interviewstudien bis hin zu hochaufgelösten Audio- und Bilddaten. Für mich stehen dabei zwei Fragestellungen im Vordergrund. Ich interessiere mich zum einen dafür, was für Informationen wir aus den Daten gewinnen können, zum Beispiel mithilfe von Algorithmen des Maschinellen Lernens. Die Fusion von Daten aus so unterschiedlichen Quellen wie bei uns hat das Potential eines großen Mehrwerts. Zum anderen möchte ich Möglichkeiten ausloten auf Basis der Audio- und Bilddaten, im Anschluss an die Expedition andere Forscher und die Öffentlichkeit einzuladen und virtuell an Stationen unserer Forschungsreise teilhaben zu lassen.
Ricarda Winkelmann | Physik
Während Ecuador nicht gerade zu den Hauptverursachern des Klimawandels zählt (derzeit ist Ecuador für etwa 0,1 bis 0,2 Prozent der jährlichen globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich), sind die Folgen des anthropogenen Klimawandels hier besonders drastisch. Eine dieser Folgen: Zwei der sieben Gletscher Ecuadors könnten bereits in den nächsten Jahren aufhören zu existieren. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Wasserversorgung, Luftfeuchtigkeit und lokale Ökosysteme. Doch wie wirken sich das verstärkte Schmelzen und der Rückgang der Gletscher auf Menschen, Tiere und Pflanzen vor Ort aus? Dies ist eine der Fragen, die wir während der Expedition Anthropozän untersuchen möchten. Neben dem Klimawandel gibt es aber auch weitere folgenreiche menschliche Einflüsse so zum Beispiel die immer größeren Mengen an Kunststoffen, die wir produzieren und die in Atmosphäre und Ozean gelangen. Von der Arktis bis zur Antarktis wurden Mikroplastik-Partikel bereits nachgewiesen. Werden wir auch in der Schnee- und Eisbedeckung auf 4000+ Metern Höhe Mikroplastik vorfinden?
Christian Hof | Biologie

Während der Expedition der Jungen Akademie werde ich insbesondere die Frage adressieren, wie die Diversität und Komplexität von Artengemeinschaften zwischen anthropogen überformten und natürlichen Lebensräumen und auf verschiedenen Höhenstufen variieren. Selbst in scheinbar weitgehend unberührten Regionen hat der Mensch inzwischen seine Spuren hinterlassen, teils bis in die höchsten Lagen des Hochgebirges, z.B. durch die Veränderung der Vegetation für Landwirtschaft, durch Müll und Nährstoffeinträge oder durch Störungen wie etwa durch – im wahrsten Sinne – seine Fußabdrücke in sensiblen Ökosystemen. Stark vom Menschen beeinflusste Lebensräume beherbergen eine geringere Arten- und Formenvielfalt als natürliche Habitate. Ziel meiner Untersuchungen in Ecuador wird die Dokumentation dieses menschlichen Einflusses auf die Biodiversität und Landschaftsstruktur sein.

Zur Datenerhebung werden verschiedene qualitative und quantitative Methoden (Charakterisierung der Lebensraumstruktur, klimatische Messungen, Lichtfang nacht- und dämmerungsaktiver Fluginsekten, bildgestützte Analysen von Artenvielfalt und Artenzusammensetzung etc.) zum Einsatz kommen. Die Biodiversitätsforschung ist nahezu untrennbar verbunden mit Namen wie Alexander von Humboldt, Charles Darwin oder Alfred Russel Wallace, insbesondere aber ihren Expeditionen zur Erkundung der Flora und Fauna entlegener Regionen. Die aus den Expeditionen der frühen Biodiversitätsforscher gewonnenen Erkenntnisse zur Biogeographie, Evolution und Ökologie sind bis heute wegweisend für unser Verständnis der Biosphäre. Eine moderne, interdisziplinär ausgerichtete Expedition bietet, inspiriert vom explizit integrativen Charakter etwa der Humboldtschen Erkundungsreisen, außerordentlich spannende Gelegenheiten, aktuelle Fragen z.B. der Ökologie des globalen Wandels zu adressieren. Die Veränderung von Flora, Fauna und Ökosystemstruktur im historischen Vergleich, die Charakterisierung der Auswirkungen menschlicher Einflüsse auf ehemals natürliche Ökosysteme, z.B. durch Einflussfaktoren wie Landnutzung, Umweltverschmutzung und Klimawandel, sind hier zentrale Themenkomplexe.
Miriam Akkermann | Musikwissenschaften

In diesem Projekt werden Field Recordings erstellt, basierend auf denen zum einen Klangprofile im Sinne der Klangökologie untersucht, sowie künstlerische Arbeiten erarbeitet werden.

Klangökologie (Acoustic Ecology), basiert auf dem von Murray Schafer Ende der 1960er Jahren ins Leben gerufene World Soundscape Project, das das Ziel hatte, die Aufmerksamkeit auf die klangliche Umgebung zu lenken. Heute werden im Bereich Field Recording sowohl die reinen Aufnahmen als auch Kombinationen mit anderen Klängen präsentiert. Die Frage nach Ent- bzw. Neu-Kontextualisierung der Klänge, aber auch die damit einhergehenden Perspektivwechsel und Interpretationen werden hierbei immer wieder von Neuem diskutiert.

In Ecuador werden Field Recordings in verschiedenen Aufnahmeformaten von Gletscherregionen sowie in Gebieten des Llanganates Nationalpark entstehen. Fragen sind unter anderem: Welche menschenverursachten Klänge sind hörbar? Wie verändert sich die Klanglandschaft entlang der Höhenlagen? Gibt es Klänge, z.B. von Tieren, die selten oder unvorhergesehen sind (Ort, Aktivitätszeit, Ausprägung etc.)?

Zudem sind Tonaufnahmen in Eisbohrlöchern geplant, bei denen einzelne Klangereignisse evoziert, aufgenommen und analysiert werden. Leitfrage ist hier: Welche Informationen können über einfache Audio-Messungen erhoben werden können. Diese Messungen finden in Kooperation mit Prof. Dr. E. Altinsoy der TU Dresden statt.

Robert Kretschmer | Chemie

Synthetische Polymere sind aus unserer gegenwärtigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und der jährliche Bedarfsteigt kontinuierlich. Leider werden Kunststoffe nicht im nötigen Umfang recycelt, sondern landen häufig auf Mülldeponien, in der Umwelt, in den Weltmeeren, wo sie nur langsam abgebaut werden. Damit einher geht auch die Bildung von kleinsten Plastikpartikeln, die aber zum Beispiel auch durch das Waschen synthetischer Fasern in unsere Wasserkreisläufe gelangen. Von dort finden sie ihren Weg in menschliche und tierische Organismen und lassen sich auch in der Arktis nachweisen.

Doch wie verbreitet sich Mikroplastik über die globalen Luftströme und lässt sie sich dort nachweisen, wo ein Transport über Wasserwege nicht möglich ist? Deshalb wollen wir diverse Gletscher in unterschiedlichen Höhen und Wetterlagen beproben, d.h. wir nehmen Proben von Eis und Schnee und analysieren, ob und wenn ja, wie viel und welche Art von Mikroplastik dort zu finden ist. Dazu werden die geschmolzenen Proben über sehr feine Filter filtriert und die Rückstände mithilfe modernster spektroskopischer Methoden qualitativ und quantitativ analysiert.

Ein Hauptaugenmerk liegt auf dem Klimawandel mit seinen Auswirkungen auf die Umwelt sowie der Wandel einer Region über die vergangenen 200 Jahre, mit dem steten Blick auf den Menschen als Verursacher, Betroffener und Beobachter des Geschehens.

FAQ

Wir sind sechs Wissenschaftler*innen aus sechs verschiedenen Fachdisziplinen und wir reisen gemeinsam nach Ecuador. Wir wandern dabei auf den Spuren von Alexander von Humboldt und versuchen mit den modernen Instrumenten unserer Zeit und im Dialog mit lokalen Wissenschaftler*innen im wesentlichen drei Kernfragen zu verfolgen, die sich alle dem übergeordneten Thema „Forschung im Anthropozän“ widmen.

1) Klima- & Klang-Profile: Welche Änderungen von Bodenbeschaffenheit, Klimaparametern, Geräuschen, Flora und Fauna werden entlang verschiedener Höhenlagen beobachtet bzw. hörbar und wie schlagen sich diese in Klangprofilen nieder?

2) Betroffenheit & Wahrnehmung des Klimawandels: Wie werden klimatische Veränderungen, beispielsweise der Rückgang der Gletscher oder das vermehrte Auftreten von Wetterextremen, und insbesondere deren Relevanz für die eigene Gesundheit und Lebensgrundlage wahrgenommen?

3) Forschung im Anthropozän: Wie funktioniert moderne Wissenschaft? Wie gestaltet sich interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Ein Hauptaugenmerk liegt auf dem Klimawandel mit seinen Auswirkungen auf die Umwelt sowie dem Wandel einer Region über die vergangenen 200 Jahre, mit dem steten Blick auf den Menschen als Verursacher, Betroffener und Beobachter des Geschehens.

Anthropozän ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche. Ánthropos bedeutet im Altgriechischen „Mensch“ und kainós „neu“. Daher ist das Anthropozän ein neues geologisches Zeitalter, das vom Menschen bestimmt ist. Der Mensch greift vor allem seit Beginn der Industriellen Revolution vor rund 200 Jahren so massiv in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ein, so dass er zu einem ihrer wichtigsten Einflussfaktoren geworden ist.

Nach sorgfältiger Abwägung mehrerer möglicher Expeditionsziele haben wir uns für Ecuador entschieden. Ausschlaggebend war hierbei vor allem der Zugang zu mehreren klimatischen Zonen einschließlich Hochgebirge mit Gletschern und Vulkanen, tropischem Regenwald sowie Hochebenen. Diese sehr diversen, aber gut erschlossenen Zonen lassen sich aufgrund der lokalen Geographie, die man in dieser Form nicht in Europa vorfindet, innerhalb weniger Stunden mit Fahrzeugen erreichen. Außerdem ist die Region gut erschlossen. Dies eröffnet uns in Hinblick auf unseren interdisziplinären Forschungsansatz und unsere zentralen Fragestellungen ein sehr breites Forschungsfeld. Ein weiterer entscheidender Punkt war der Bezug zur Amerikareise Alexander von Humboldts. Bereits Humboldt beschäftigte sich vor über 200 Jahren mit der Einflussnahme des Menschen auf seine Umwelt. Seine Besteigung des Chimborazo ist nicht nur legendär, sondern seine dort erhobenen Daten, wie z.B. die Beschreibung der verschiedenen Vegetationszonen, liefern eine wichtige Vergleichsgrundlage für unsere Forschungsprojekte.   

Die Junge Akademie wurde im Jahr 2000 als weltweit erste Akademie für herausragende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ins Leben gerufen. Getragen wird sie gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Sie zählt konstant 50 Mitglieder, wovon alljährlich zehn ausscheiden und zehn neu gewählt werden. Die Mitglieder der Jungen Akademie kommen aus verschiedenen Fachrichtungen – von den Geistes- und Sozialwissenschaften über die Natur- und Ingenieurwissenschaften bis hin zu den Künsten. Alle Mitglieder eint ihr Interesse an interdisziplinärer Arbeit. In immer neuen Projekten loten sie Potenzial und Grenzen interdisziplinärer Arbeit aus, wollen Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch miteinander bringen und neue Impulse in wissenschaftspolitischen Diskussionen setzen. Auch in unserem Expeditionsteam spiegelt sich die interdisziplinäre Vielfalt der Jungen Akademie wider: Vertreten sind die Disziplinen Musikwissenschaft, Biologie, Chemie, Physik, Medizin und Informatik. Der Austausch und die Zusammenarbeit der Mitglieder der Jungen Akademie erfolgt zum Großteil auf digitalem Wege und wird formal in den dreimal jährlich stattfindenden Plenarsitzungen organisiert.

Im Fall des interdisziplinären Projektes „Expedition Anthropozän“ stellten zwei der Expeditionsmitglieder ihre Idee auf dem Frühjahrsplenum 2019 vor. Dort zeigten weitere Mitglieder Interesse am Projekt, überarbeiteten gemeinsam das Konzept und beantragten schließlich im Herbstplenum 2019 das notwendige Budget. Da die beste Reisezeit für das Vorhaben im Frühjahr endet, blieb zum damaligen Zeitpunkt nicht viel Vorbereitungszeit. Das setzte dem Projekt natürlich von vornherein gewisse Grenzen, wir sind aber davon überzeugt, trotzdem sehr gute Ergebnisse erzielen zu können.  Einblicke in die unterschiedlichen Disziplinen und die interdisziplinären Anknüpfungspunkte liefern die Themenblöcke und unsere persönlichen Vorstellungen.

Wir gehen mit vielen positiven Erwartung an das Projekt heran. Einerseits sind wir auf die geographischen Gegebenheiten und die Daten gespannt, die wir vor Ort erheben werden, und auf die Ergebnisse, die daraus hervorgehen. Andererseits sind wir in einem derart interdisziplinären Team neugierig auf die Teamdynamik, die verschiedenen Herangehensweisen und die frischen Perspektiven und Impulse, die wir einander bieten können. Wir möchten voneinander lernen und uns ein stückweit selbst und gegenseitig beobachten, um der Frage nachzuspüren, wie moderne, interdisziplinäre Forschung funktionieren kann. Wir haben unser Projekt sorgfältig geplant und hoffen, nicht nur die Tage vor Ort effektiv zu nutzen, sondern auch unsere Aktivitäten in unserem Blog dokumentieren zu können. Wir sind dabei in großem Maße von verschiedenen Faktoren wie dem Wetter und dem Zugang zu Strom und Internet abhängig. Dies sind Probleme, die wir so weit wie möglich einkalkuliert haben. Jedoch birgt eine Expedition, auch wenn wir ein derartiges Unternehmen heute deutlich besser vorbereiten und planen können als Humboldt es damals möglich war, immer auch Unerwartbares. Wir sind darauf eingestellt, dass wir vor Ort spontan auf die Gegebenheiten reagieren und entsprechend umdisponieren werden müssen.

Obwohl in Ecuador eine große landschaftliche Vielfalt in einem relativ kleinen Gebiet erleb- und erforschbar ist, muss man für eine siebzehntägige Expedition eine Auswahl treffen. Hinzu kommt die Einschränkung der Höhenakklimatisierung, die uns zwar an den ersten Tagen unserer Reise nicht daran hindern wird, Tagestouren zu unternehmen, uns aber zwingen wird, einige Nächte in Quito zu verbringen, ganz nach dem Motto: „Climb high, sleep low“. Zu Beginn sind daher Tagestouren zu diversen Gletschern in der Umgebung Quitos geplant. Sie bieten bereits Gelegenheit zur Beprobung in unterschiedlichen Höhen- und Wetterlagen. Dennoch ist der Chimborazo natürlich ein besonderes Ziel für unsere Untersuchungen. Der Aufenthalt im Llanganates Nationalpark bietet schließlich Gelegenheit, eine komplementäre Vegetationszone zu beforschen. Im Fokus wird dort vor allem die Biodiversität stehen, es werden aber auch hier Klang- und Mikroplastikvorkommen untersucht.

Ja, wir haben Kontakte zu einigen lokalen Personen und Institutionen, mit denen wir auch schon vorab in einem regen Austausch standen. Einige von Ihnen werden wir vor Ort treffen, um über unser Projekt und unsere Ergebnisse zu sprechen und Möglichkeiten für zukünftige Kooperationen auszuloten. Uns stellte sich neben unseren Forschungsvorhaben die Fragen, in wieweit wir als Europäer*innen mit einer anderen Perspektive auf Themen blicken und im Zweifel sogar auch andere Themen für wichtig erachten als die Menschen, die dort leben und/oder Wissenschaft betreiben. Daher ist aus unserer Sicht der direkte Austausch und die Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen bei einem derartigen Projekt unerlässlich.

Wir sind allesamt Mitglieder der Jungen Akademie. Interdisziplinarität ist ein wesentlicher, in ihrem Statut festgelegter Arbeitsschwerpunkt. Alle Mitglieder eint ihr Interesse an interdisziplinärer Arbeit. Auch in unserem Projekt ist Interdisziplinarität ein Kernelement. Wir möchten unter anderem der Frage nachgehen, wie moderne Forschung im Anthropozän – die letztlich eine interdisziplinäre sein muss – funktionieren kann und welche konkreten Vorteile und Hürden sie mit sich bringt. Jedoch hat die Expedition in der Gruppe natürlich auch ganz pragmatische Gesichtspunkte. Bei einer Gletscherbesteigung ist man beispielsweise auf Partner*innen angewiesen. Sie ist alleine mit viel Equipment nur schlecht zu bewältigen.

Zwischen 1799 und 1804 bereiste Alexander von Humboldt gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland auf einer privaten Forschungsexpedition in Amerika. Unter anderem erkundeten sie über sechs Monate lang das Gebiet um Quito. Der Besteigung des Chimborazo, den man damals für den höchsten Berg der Welt hielt, kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Humboldt verwendete die zu seiner Zeit modernsten Instrumente, um barometrische und trigonometrische Messungen vorzunehmen und die Tier- und Pflanzenwelt zu erkunden.

Einer seiner bekanntesten wissenschaftlichen Beiträge ist der Essai sur la géographie des plantes, mit dem er die Vegetationsgeographie begründete. Das Hauptthema dieses Werkes sind die Veränderungen in der Zusammensetzung der Vegetation in Abhängigkeit von der Meereshöhe.

Alexander von Humboldt beschrieb zudem die elementaren Funktionen und die Bedeutung des Waldes für das Klima. Er beobachtete, dass der Eingriff des Menschen durch übermäßige Entwaldung oder die Umleitung von Gewässern sich nachteilig auf den Wasserhaushalt und das Klima auswirken kann, und beobachtete und beschrieb somit die Eigenheiten des Anthropozäns und den Klimawandel lange bevor sich diese Begriffe etablierten. Dieser Ansatz bildet die Basis unseres Expeditionsgedankens und der Universalgelehrte Humboldt mit seinem unerschütterlichen Arbeitseinsatz hat auch für moderne Wissenschaftler*innen nichts an seiner Faszination eingebüßt.in 

Die Mitglieder der Jungen Akademie beschäftigen sich intensiv mit den Fragen des Klimawandels und der Vermeidung von CO2. Sie haben jüngst unter anderem die Stellungnahme „Wahre Reisekosten erstatten! Für eine Umsteuerung bei Dienstreisen in der Wissenschaft“ veröffentlicht und den Nachhaltigkeitswettbewerb Visions/Solutions ausgeschrieben. Darüber hinaus ist der Fokus unserer gemeinsamen Forschungsreise der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Umwelt. Natürlich haben wir Projekt und Reiseziel – nicht nur aufgrund dieses Hintergrunds –  sehr kritisch diskutiert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, das Expeditionsziel beizubehalten, da unser Vorhaben in der Form, die die lokale Geographie in Ecuador ermöglicht, nicht in Europa bzw. einem mit der Bahn oder vergleichbaren Transportmittel erreichbaren Reiseziel durchführbar wäre. Wir werden das CO2, welches unsere Flüge und die Fahrten vor Ort emittieren, privat kompensieren.
Unsere Arbeit vor Ort fußt auf wissenschaftsgeleiteten Thesen und Erwartungen. Darüber hinaus ist uns bewusst, dass auf einer derartigen Expedition immer Unerwartetes passiert. Wir sind daher sehr offen für neue Aspekte, Erkenntnisse und Ergebnisse. Wir sehen auch den Weg als Ziel und so sind wir vor allem sehr gespannt darauf, wie sich die Zusammenarbeit auf die Durchführung der Experimente und die Ergebnisse auswirken wird. Die Ergebnisse werden wir natürlich mit unseren lokalen Kontakten und potentiellen Partner*innen zukünftiger Projekten besprechen und teilen und werden sie darüber hinaus öffentlich zugänglich machen.

Wir sind sechs Wissenschaftler*innen aus sechs verschiedenen Fachdisziplinen und wir reisen gemeinsam nach Ecuador. Wir wandern dabei auf den Spuren von Alexander von Humboldt und versuchen mit den modernen Instrumenten unserer Zeit und im Dialog mit lokalen Wissenschaftler*innen im wesentlichen drei Kernfragen zu verfolgen, die sich alle dem übergeordneten Thema „Forschung im Anthropozän“ widmen.

1) Klima- & Klang-Profile: Welche Änderungen von Bodenbeschaffenheit, Klimaparametern, Geräuschen, Flora und Fauna werden entlang verschiedener Höhenlagen beobachtet bzw. hörbar und wie schlagen sich diese in Klangprofilen nieder?

2) Betroffenheit & Wahrnehmung des Klimawandels: Wie werden klimatische Veränderungen, beispielsweise der Rückgang der Gletscher oder das vermehrte Auftreten von Wetterextremen, und insbesondere deren Relevanz für die eigene Gesundheit und Lebensgrundlage wahrgenommen?

3) Forschung im Anthropozän: Wie funktioniert moderne Wissenschaft? Wie gestaltet sich interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Ein Hauptaugenmerk liegt auf dem Klimawandel mit seinen Auswirkungen auf die Umwelt sowie dem Wandel einer Region über die vergangenen 200 Jahre, mit dem steten Blick auf den Menschen als Verursacher, Betroffener und Beobachter des Geschehens.

Anthropozän ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche. Ánthropos bedeutet im Altgriechischen „Mensch“ und kainós „neu“. Daher ist das Anthropozän ein neues geologisches Zeitalter, das vom Menschen bestimmt ist. Der Mensch greift vor allem seit Beginn der Industriellen Revolution vor rund 200 Jahren so massiv in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ein, so dass er zu einem ihrer wichtigsten Einflussfaktoren geworden ist.

Nach sorgfältiger Abwägung mehrerer möglicher Expeditionsziele haben wir uns für Ecuador entschieden. Ausschlaggebend war hierbei vor allem der Zugang zu mehreren klimatischen Zonen einschließlich Hochgebirge mit Gletschern und Vulkanen, tropischem Regenwald sowie Hochebenen. Diese sehr diversen, aber gut erschlossenen Zonen lassen sich aufgrund der lokalen Geographie, die man in dieser Form nicht in Europa vorfindet, innerhalb weniger Stunden mit Fahrzeugen erreichen. Außerdem ist die Region gut erschlossen. Dies eröffnet uns in Hinblick auf unseren interdisziplinären Forschungsansatz und unsere zentralen Fragestellungen ein sehr breites Forschungsfeld. Ein weiterer entscheidender Punkt war der Bezug zur Amerikareise Alexander von Humboldts. Bereits Humboldt beschäftigte sich vor über 200 Jahren mit der Einflussnahme des Menschen auf seine Umwelt. Seine Besteigung des Chimborazo ist nicht nur legendär, sondern seine dort erhobenen Daten, wie z.B. die Beschreibung der verschiedenen Vegetationszonen, liefern eine wichtige Vergleichsgrundlage für unsere Forschungsprojekte.   

Die Junge Akademie wurde im Jahr 2000 als weltweit erste Akademie für herausragende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ins Leben gerufen. Getragen wird sie gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Sie zählt konstant 50 Mitglieder, wovon alljährlich zehn ausscheiden und zehn neu gewählt werden. Die Mitglieder der Jungen Akademie kommen aus verschiedenen Fachrichtungen – von den Geistes- und Sozialwissenschaften über die Natur- und Ingenieurwissenschaften bis hin zu den Künsten. Alle Mitglieder eint ihr Interesse an interdisziplinärer Arbeit. In immer neuen Projekten loten sie Potenzial und Grenzen interdisziplinärer Arbeit aus, wollen Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch miteinander bringen und neue Impulse in wissenschaftspolitischen Diskussionen setzen. Auch in unserem Expeditionsteam spiegelt sich die interdisziplinäre Vielfalt der Jungen Akademie wider: Vertreten sind die Disziplinen Musikwissenschaft, Biologie, Chemie, Physik, Medizin und Informatik. Der Austausch und die Zusammenarbeit der Mitglieder der Jungen Akademie erfolgt zum Großteil auf digitalem Wege und wird formal in den dreimal jährlich stattfindenden Plenarsitzungen organisiert.

Im Fall des interdisziplinären Projektes „Expedition Anthropozän“ stellten zwei der Expeditionsmitglieder ihre Idee auf dem Frühjahrsplenum 2019 vor. Dort zeigten weitere Mitglieder Interesse am Projekt, überarbeiteten gemeinsam das Konzept und beantragten schließlich im Herbstplenum 2019 das notwendige Budget. Da die beste Reisezeit für das Vorhaben im Frühjahr endet, blieb zum damaligen Zeitpunkt nicht viel Vorbereitungszeit. Das setzte dem Projekt natürlich von vornherein gewisse Grenzen, wir sind aber davon überzeugt, trotzdem sehr gute Ergebnisse erzielen zu können.  Einblicke in die unterschiedlichen Disziplinen und die interdisziplinären Anknüpfungspunkte liefern die Themenblöcke und unsere persönlichen Vorstellungen.

Wir gehen mit vielen positiven Erwartung an das Projekt heran. Einerseits sind wir auf die geographischen Gegebenheiten und die Daten gespannt, die wir vor Ort erheben werden, und auf die Ergebnisse, die daraus hervorgehen. Andererseits sind wir in einem derart interdisziplinären Team neugierig auf die Teamdynamik, die verschiedenen Herangehensweisen und die frischen Perspektiven und Impulse, die wir einander bieten können. Wir möchten voneinander lernen und uns ein stückweit selbst und gegenseitig beobachten, um der Frage nachzuspüren, wie moderne, interdisziplinäre Forschung funktionieren kann. Wir haben unser Projekt sorgfältig geplant und hoffen, nicht nur die Tage vor Ort effektiv zu nutzen, sondern auch unsere Aktivitäten in unserem Blog dokumentieren zu können. Wir sind dabei in großem Maße von verschiedenen Faktoren wie dem Wetter und dem Zugang zu Strom und Internet abhängig. Dies sind Probleme, die wir so weit wie möglich einkalkuliert haben. Jedoch birgt eine Expedition, auch wenn wir ein derartiges Unternehmen heute deutlich besser vorbereiten und planen können als Humboldt es damals möglich war, immer auch Unerwartbares. Wir sind darauf eingestellt, dass wir vor Ort spontan auf die Gegebenheiten reagieren und entsprechend umdisponieren werden müssen.

Obwohl in Ecuador eine große landschaftliche Vielfalt in einem relativ kleinen Gebiet erleb- und erforschbar ist, muss man für eine siebzehntägige Expedition eine Auswahl treffen. Hinzu kommt die Einschränkung der Höhenakklimatisierung, die uns zwar an den ersten Tagen unserer Reise nicht daran hindern wird, Tagestouren zu unternehmen, uns aber zwingen wird, einige Nächte in Quito zu verbringen, ganz nach dem Motto: „Climb high, sleep low“. Zu Beginn sind daher Tagestouren zu diversen Gletschern in der Umgebung Quitos geplant. Sie bieten bereits Gelegenheit zur Beprobung in unterschiedlichen Höhen- und Wetterlagen. Dennoch ist der Chimborazo natürlich ein besonderes Ziel für unsere Untersuchungen. Der Aufenthalt im Llanganates Nationalpark bietet schließlich Gelegenheit, eine komplementäre Vegetationszone zu beforschen. Im Fokus wird dort vor allem die Biodiversität stehen, es werden aber auch hier Klang- und Mikroplastikvorkommen untersucht.
Wir sind allesamt Mitglieder der Jungen Akademie. Interdisziplinarität ist ein wesentlicher, in ihrem Statut festgelegter Arbeitsschwerpunkt. Alle Mitglieder eint ihr Interesse an interdisziplinärer Arbeit. Auch in unserem Projekt ist Interdisziplinarität ein Kernelement. Wir möchten unter anderem der Frage nachgehen, wie moderne Forschung im Anthropozän – die letztlich eine interdisziplinäre sein muss – funktionieren kann und welche konkreten Vorteile und Hürden sie mit sich bringt. Jedoch hat die Expedition in der Gruppe natürlich auch ganz pragmatische Gesichtspunkte. Bei einer Gletscherbesteigung ist man beispielsweise auf Partner*innen angewiesen. Sie ist alleine mit viel Equipment nur schlecht zu bewältigen.

Ja, wir haben Kontakte zu einigen lokalen Personen und Institutionen, mit denen wir auch schon vorab in einem regen Austausch standen. Einige von Ihnen werden wir vor Ort treffen, um über unser Projekt und unsere Ergebnisse zu sprechen und Möglichkeiten für zukünftige Kooperationen auszuloten. Uns stellte sich neben unseren Forschungsvorhaben die Fragen, in wieweit wir als Europäer*innen mit einer anderen Perspektive auf Themen blicken und im Zweifel sogar auch andere Themen für wichtig erachten als die Menschen, die dort leben und/oder Wissenschaft betreiben. Daher ist aus unserer Sicht der direkte Austausch und die Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen bei einem derartigen Projekt unerlässlich.

Zwischen 1799 und 1804 bereiste Alexander von Humboldt gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland auf einer privaten Forschungsexpedition in Amerika. Unter anderem erkundeten sie über sechs Monate lang das Gebiet um Quito. Der Besteigung des Chimborazo, den man damals für den höchsten Berg der Welt hielt, kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Humboldt verwendete die zu seiner Zeit modernsten Instrumente, um barometrische und trigonometrische Messungen vorzunehmen und die Tier- und Pflanzenwelt zu erkunden.

Einer seiner bekanntesten wissenschaftlichen Beiträge ist der Essai sur la géographie des plantes, mit dem er die Vegetationsgeographie begründete. Das Hauptthema dieses Werkes sind die Veränderungen in der Zusammensetzung der Vegetation in Abhängigkeit von der Meereshöhe.

Alexander von Humboldt beschrieb zudem die elementaren Funktionen und die Bedeutung des Waldes für das Klima. Er beobachtete, dass der Eingriff des Menschen durch übermäßige Entwaldung oder die Umleitung von Gewässern sich nachteilig auf den Wasserhaushalt und das Klima auswirken kann, und beobachtete und beschrieb somit die Eigenheiten des Anthropozäns und den Klimawandel lange bevor sich diese Begriffe etablierten. Dieser Ansatz bildet die Basis unseres Expeditionsgedankens und der Universalgelehrte Humboldt mit seinem unerschütterlichen Arbeitseinsatz hat auch für moderne Wissenschaftler*innen nichts an seiner Faszination eingebüßt.in 

Die Mitglieder der Jungen Akademie beschäftigen sich intensiv mit den Fragen des Klimawandels und der Vermeidung von CO2. Sie haben jüngst unter anderem die Stellungnahme „Wahre Reisekosten erstatten! Für eine Umsteuerung bei Dienstreisen in der Wissenschaft“ veröffentlicht und den Nachhaltigkeitswettbewerb Visions/Solutions ausgeschrieben. Darüber hinaus ist der Fokus unserer gemeinsamen Forschungsreise der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Umwelt. Natürlich haben wir Projekt und Reiseziel – nicht nur aufgrund dieses Hintergrunds –  sehr kritisch diskutiert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, das Expeditionsziel beizubehalten, da unser Vorhaben in der Form, die die lokale Geographie in Ecuador ermöglicht, nicht in Europa bzw. einem mit der Bahn oder vergleichbaren Transportmittel erreichbaren Reiseziel durchführbar wäre. Wir werden das CO2, welches unsere Flüge und die Fahrten vor Ort emittieren, privat kompensieren.
Unsere Arbeit vor Ort fußt auf wissenschaftsgeleiteten Thesen und Erwartungen. Darüber hinaus ist uns bewusst, dass auf einer derartigen Expedition immer Unerwartetes passiert. Wir sind daher sehr offen für neue Aspekte, Erkenntnisse und Ergebnisse. Wir sehen auch den Weg als Ziel und so sind wir vor allem sehr gespannt darauf, wie sich die Zusammenarbeit auf die Durchführung der Experimente und die Ergebnisse auswirken wird. Die Ergebnisse werden wir natürlich mit unseren lokalen Kontakten und potentiellen Partner*innen zukünftiger Projekten besprechen und teilen und werden sie darüber hinaus öffentlich zugänglich machen.

Kontakt

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Die Junge Akademie

Die Junge Akademie wurde im Jahr 2000 als weltweit erste Akademie für herausragende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ins Leben gerufen. Ihre Mitglieder stammen aus allen wissenschaftlichen Disziplinen sowie aus dem künstlerischen Bereich – sie loten Potenzial und Grenzen interdisziplinärer Arbeit in immer neuen Projekten aus, wollen Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch miteinander und neue Impulse in die wissenschaftspolitische Diskussion bringen.

Die Junge Akademie wird gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina getragen. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin.

Yvonne Borchert
Wiss. Koordinatorin AGs und Projekte

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Anne Rohloff
Wiss. Koordinatorin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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